Schulge­schich­te

Das Gymnasium Petrinum in Dorsten kann auf eine über 375-jährige Geschichte zurückblicken. Einen umfassenden Überblick finden sie hier.

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Abiturpostkarten aus Dorsten

Schulfeiern am Petrinum bis 1945     Schulfeiern am Petrinum ab 1945

375 Jahre Gymnasium Petrinum Dorsten – ein Überblick

Am 3. März 2016 konstituierte sich die aus Eltern, Lehrern und Schülern bestehende Arbeitsgruppe „375 Jahre Gymnasium Petrinum“, um mit den Vorbereitungen zur Gestaltung des Jubiläumsjahres 2017 zu beginnen. Einvernehmen bestand von Anfang an darüber, dass der Höhepunkt des Jubiläumsjahres in der zweiten Jahreshälfte liegen sollte, weil die Schulgründung vor 375 Jahren von der Genehmigung durch den damaligen Landesherrn, dem Erzbischof von Köln, am 26. September bis zur Eröffnung der Schule im Franziskanerkloster am 3. November erfolgte. Damit war auch klar, dass sich das Schuljubiläum zeitlich mit dem Höhepunkt des Gedenkens an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren überschneiden würde, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit seinen 95 Thesen einleitete. 125 Jahre später, im Zuge der Gegenreformation, gründeten die Franziskaner im ausgehenden 30-jährigen Krieg (1618–1648) gemeinsam mit der Stadt Dorsten das Gymnasium Petrinum. Zur Gründung des Gymnasiums benötigten die Verantwortlichen im Jahre 1642 gerade einmal drei Monate, eine – aus heutiger Sicht betrachtet – unvorstellbar kurze Zeit. Wie war das möglich?

Eine handschriftliche Aufzeichnung des Franziskanerklosters aus dem Jahre 1741 gibt darauf folgende Antwort:

„Als es während des Dreißigjährigen Krieges sehr schwierig und kostspielig wurde, die Bürgersöhne zu den auswärtigen gelehrten Bildungsanstalten zu schicken, kam dem Senat und Volk von Dorsten der gute Gedanke, in ihrer Stadt ein Gymnasium zu errichten, das Lehramt und die Leitung aber den Klostergeistlichen zu übertragen, damit die einheimischen Kinder ohne große Kosten und unter den Augen der Eltern in der lateinischen Sprache, den guten Sitten und besonders im rechten Glauben unterrichtet und die auswärtige Jugend zu demselben Zwecke und zum Vorteile der Bürger angelockt werden könne.“

Die seit 1599 an den Jesuitenschulen eingeführte Lehrverfassung (Ratio Studiorum) übernahmen die Franziskaner 1642 für das Petrinum, ihrem ersten Gymnasium in Westfalen.

Die Franziskaner hatten in erster Linie die Aufgabe ihre Schüler im katholischen Glauben zu erziehen. Deshalb durften nur solche Patres für das Lehramt vorgesehen werden, die „besonders fromm und von auffallender Sittlichkeit“ waren. Daneben hatten die Franziskaner ihnen gründliche Kenntnisse in der lateinischen Sprache zu vermitteln, denn die Beherrschung der lateinischen Sprache in Wort und Schrift war zu der Zeit die Voraussetzung für ein Universitätsstudium. Themen aus den Bereichen Geschichte, Erdkunde, Mythologie, Archäologie, Staats- und Rechtskunde, Kosmologie und Philosophie wurden nur behandelt, insoweit sie für ein Sprachstudium erforderlich waren.

Das 1642 gegründete Gymnasium der Stadt Dorsten war eine höhere Schule für die heranwachsende männliche Jugend. Um die Erziehung und Schulbildung der weiblichen Jugend kümmerten sich etwa fünfzig Jahre später die Ursulinen, die 1699 in Dorsten eine Ordensniederlassung gründeten. Die meisten Petrinum-Schüler kamen aus Dorsten und der näheren Umgebung, einige aber auch aus entlegeneren Städten wie Amsterdam, Antwerpen oder Utrecht. Das Petrinum war zwar eine katholische Schule, doch wurden hier seit 1700 auch evangelische Schüler, die zumeist aus Dinslaken und Schermbeck kamen, aufgenommen. Um 1830 waren unter den Schülern auch die Brüder Nathan und Levi Eisendraht, die der jüdischen Gemeinde in Dorsten angehörten. Weil Dorsten im 17., 18. und beginnenden 19. Jahrhundert immer wieder zum Durchzugs-, Einquartierungs- und Versorgungsgebiet kriegführender Parteien gehörte, schwankte die Schülerzahl erheblich. Trotz der unsicheren äußerlichen Lage und der großen wirtschaftlichen Not haben die Stadt und die Franziskaner das Gymnasium gehalten, eine Leistung, die nachfolgende Generationen kaum hoch genug einschätzen konnten.

Vom „Petrinischen Gymnasium“ zum „Progymnasium“

Das Jahr 1803 stellte für die Stadt Dorsten und damit auch für das Petrinum eine Zäsur dar, denn mit dem Reichsdeputationshauptschluss, durch Napoleon erzwungen, endete die jahrhundertlange Zugehörigkeit der Stadt zum Kurfürstentum Köln. Es wurde wie alle  geistlichen Fürstentümer des Reiches (mit Ausnahme von Mainz) aufgelöst und weltlichen Landesherren übertragen. In den nächsten Jahren hatte die Stadt wechselnde Landesherren, bis sie 1815 durch den Wiener Kongress an Preußen fiel. Dieser Staat hatte nach der Niederlage gegen Napoleon erhebliche Modernisierungsmaßnahmen unternommen, die den Schul- und Bildungsbereich einschlossen.

Bis zur Besitzergreifung Dorstens durch Preußen hatte die Leitung am „Petrinischen Gymnasium“ jährlich gewechselt. Den Unterricht leiteten drei Lehrer, die der Franziskanerorden stellte. Die Patres begannen mit ihrer Unterrichtstätigkeit als Klassenlehrer in den Anfangsklassen, übernahmen dann in ihrem zweiten Jahr die mittleren Klassen und bekleideten im dritten Jahr schließlich das Amt des Schulleiters („Präfekten“), um sich dann aus der Schule zurückzuziehen und eine andere Aufgabe im Franziskanerorden wahrzunehmen.

Seit 1813 – Dorsten wurde Ende des Jahres dem preußischen Zivilgouvernement in Münster unterstellt – blieben die drei Franziskaner längere Zeit am Petrinum. Von 1813 bis 1822 leitete Pater Valerian Bresson die Schule. An seine Stelle trat Pater Wolfgang Kanne, dem Pater Valerian Bresson bis 1827 und Pater Ferdinand Volbach bis 1833 zur Seite standen. Caspar Franz Krabbe, zunächst Pfarrer in Recklinghausen, von 1828 bis 1845 Regierungs- und Schulrat in Münster, beschrieb Kanne als „… eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten, die ich je kennen gelernt habe.“ Kanne war belesen, was Theologie und Philosophie betraf, Ratgeber der Geistlichen der Umgebung, Beichtvater der Nonnen, für die er früh am Morgen die hl. Messe las. „Er vereinigte die Einfachheit und Armuth des Ordens mit der feinen Sitte und rücksichtsvollen Zuvorkommenheit des Weltmannes“, so Krabbe. Mit dem Tod von Pater Wolfgang Kanne im Jahre 1837 endete die beinahe 200-jährige Geschichte des Gymnasiums unter der Leitung der Franziskaner.

In den nächsten 18 Jahren wurde das Petrinum im Nebenamt von Weltgeistlichen geleitet – und zwar bis 1841- von dem bischöflichen Kommissar und Pensions-Direktor im Ursulinenkloster Caspar Gröning, danach bis 1855 von Pfarrer Wolfgang Schmitz, der seit September 1839 in Dorsten wirkte. Offenbar wollte die Schulaufsicht auf diese Weise erreichen, dass sich der Übergang von der Ordensschule zu einer Anstalt, die von einem weltlichen Rektor geleitet wurde, möglichst schonend vollzog. Begonnen hatte die „Verweltlichung“ des Petrinums allerdings schon 1823, als mit Franz Wilhelm Rive der erste Lehrer an der Schule angestellt wurde, der kein Ordensmann war.

Das Gymnasium hatte 1814 lediglich zwei Klassen, in denen wurden im Winter 21 und im Sommer 25 Unterrichtsstunden in der Woche erteilt. Mit der Vorbereitungsschule besuchten in diesem Jahr 27 Schüler das Gymnasium. Nach der Schulgeldordnung aus dem Jahre 1797 erhielten die Lehrer neben ihrer Vergütung aus dem städtischen Schulfonds von jedem auswärtigen Schüler sieben Reichstaler und 40 Stüber; ortsansässige Schüler hatten einen Taler mehr zu bezahlen.

Die Regierung in Münster konnte dieser kleinen Schule nicht den Status eines Gymnasiums zuerkennen und stufte sie als „Lateinische Schule“ ein, die zukünftig nur noch die unteren Klassen des Gymnasiums führen solle. Damit wollte sich in Dorsten niemand abfinden, vielmehr bemühte sich die Schulleitung mit Unterstützung der Stadt seit der Reorganisation der Gymnasien in Westfalen im Jahre 1819 um die Anerkennung der höheren Lehranstalt als vollberechtigtes Gymnasium, das seine Absolventen mit dem Abitur entließ. Bevor diese Frage nicht entschieden war, hielt man offiziell an der Bezeichnung Gymnasium bzw. „Petrinisches Gymnasium“ fest, denn die Eltern aus der näheren und weiteren Umgebung schickten ihre Söhne ja deshalb nach Dorsten, weil sie annahmen, dass sie an dieser Schule das Zeugnis der Reife erlangen konnten. Tatsächlich vervierfachte sich die Schülerzahl in nur acht Jahren von 25 im Jahre 1813 auf 107 im Jahre 1821. Da es sich bei den auswärtigen Schülern vielfach um die Söhne armer Eltern handelte, häuften sich in der Bürgerschaft die Klagen, da die Unterbringung der Schüler nicht den erhofften finanziellen Gewinn ergab. Bürgermeister Luck wies die Schulaufsichtsbehörde wiederholt auf dieses Problem hin und forderte Abhilfe. Schließlich lenkte die Regierung nach einer eingehenden Revision der Schule im Dezember 1821 ein und setzte die Höchstzahl der armen Schüler auf ein Achtel der Gesamtschülerzahl fest. Ferner sollten heimische und auswärtige Schüler zukünftig den gleichen Schulgeldsatz in Höhe von 9 ½ Talern zahlen. Außerdem hatte jeder Schüler bei seinem Schuleintritt 2 Taler für die Bibliothek und Lehrmittel zu entrichten; alle anderen Ausgaben sollten entfallen.

Alle Anstrengungen zur Anerkennung als vollberechtigtes Gymnasium blieben jedoch vergeblich – finanzielle Gründe spielten hier eine entscheidende Rolle -, sodass das „Petrinische Gymnasium“ 1823 den Rang eines „Progymnasiums“ erhielt, das seine Schüler mit der „mittleren Reife“ entließ. So schnell wie die Schülerzahlen zwischen 1814 und 1822 angestiegen waren, so schnell sanken sie in den nächsten Jahren, nämlich von 104 im Jahre 1823 auf 39 im Jahre 1829. Ausschlaggebend für den Einbruch bei den Schülerzahlen war sicherlich die Tatsache, dass die Absolventen des Dorstener Progymnasiums zur Erlangung des Abiturs ihren Schulort wechseln mussten; dazu bot sich etwa das traditionsreiche Gymnasium Paulinum in Münster an. Hinzu kam, dass die benachbarten katholischen Progymnasien in Recklinghausen und Coesfeld am Ende der 1820-er Jahre in vollberechtigte Gymnasien umgewandelt wurden und deshalb für Schüler der Umgebung attraktiver waren als das Dorstener Progymnasium. Doch nicht nur die Konkurrenz der neuen Voll-Gymnasien in den Nachbarstädten bereitete der Dorstener Schule Probleme. Inzwischen hatten auch die meisten evangelischen Gymnasien einen katholischen Religionslehrer angestellt, sodass die Eltern katholischer Schüler im Einzugsbereich dieser Schulen keine Notwendigkeit mehr sahen, ihre Söhne bei einem entfernter gelegenen katholischen (Pro)Gymnasium anzumelden.

Das „Pro- und Realgymnasium“

In dieser kritischen Situation suchte die Stadt nach neuen Wegen und gelangte schließlich zu der Überzeugung, dass die Erweiterung des Progymnasiums um Real-Abteilungen den weiteren Niedergang der Lehranstalt aufhalten könne. Das Königliche Provinzial-Schulkollegium in Münster, dem das Progymnasium seit 1826 unterstellt war, genehmigte den Vorschlag, von Herbst 1830 an für die Schüler, die kein Studium anstrebten, neben den bisherigen Unterrichtsgegenständen auch Französisch, Naturbeschreibung, Naturlehre und kaufmännisches Rechnen in den Lehrplan aufzunehmen. Ausführlich stellte das Lehrerkollegium diese Neuerung allen Interessierten in dem gedruckten „Jahres-Bericht über das Pro- und Realgymnasium zu Dorsten in dem Schuljahre 1830–31“ vor. Für die Schüler, die sich auf das kaufmännische Fach vorbereiten wollten, war auch an die Einführung des Unterrichts in „holländischer Sprache“ gedacht. Ein Junge musste mindestens zehn Jahre alt sein, wenn er als Schüler angenommen werden wollte. Einheimische mussten den „Elementar-Cursus“ zur Zufriedenheit ihrer Lehrer absolviert haben, Auswärtige „mit den Hauptwahrheiten der Religion und den Erzählungen der biblischen Geschichte bekannt“ sein „und sich eine solche Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen erworben haben, daß sie Diktirtes geläufig schreiben, selbst größere Fehler gegen die deutsche Sprache verbessern, Gedrucktes und Geschriebenes fertig lesen und im Rechnen wenigstens die vier Species in gleich und ungleich benannten Zahlen verstehen.“

Die Erweiterung des Progymnasiums um einen Realzweig erforderte neben der entsprechenden Ausstattung auch neue Lehrer. Damit kamen weitere finanzielle Belastungen auf die Stadt zu. Den Unterricht in den neueren Sprachen Englisch, Französisch und Niederländisch übernahm Wilhelm Kotthoff, der nach seiner Probezeit in Recklinghausen dort noch ein Jahr ausgeholfen hatte. Für den Unterricht in den Naturwissenschaften und in der Mathematik konnte der Junglehrer Busch gewonnen werden. Die Lehrer Drecker und Hüntemann, die bei den Ursulinen den Unterricht im Zeichnen und Gesang erteilten, unterrichteten zukünftig auch am Pro- und Realgymnasium.

Nach den vielerorts erhobenen Klagen über die Überforderung der Gymnasiasten hatte das Provinzialschulkollegium in Münster 1829/30 allen Gymnasien die Einführung von gymnastischen Übungen empfohlen. Im Juni 1831 wies die Schulaufsichtsbehörde im Amtsblatt der Regierung Münster auf die Wiedereinführung der gymnastischen Übungen am Gymnasium in Minden empfehlend hin in der Hoffnung, dass andere Gymnasien in der Provinz Westfalen diesem Beispiel folgen würden. Diese Nachricht nahm Bürgermeister Luck zum Anlass, der Aufsichtsbehörde umgehend mitzuteilen, dass er bereits im Herbst 1830 dem Antrag des Lehrerkollegiums gefolgt sei und dem Progymnasium in Dorsten zu diesem Zweck einen „freien und hochgelegenen“ Gemeindeplatz angewiesen habe. Auch wenn an einen lehrplanmäßigen Turnunterricht am Dorstener Progymnasium noch lange nicht zu denken war, ist die Dorstener Spielplatzinitiative aus dem Jahre 1830 zu den ersten Versuchen an den höheren Schulen in Westfalen zu rechnen, die Leibesübungen mit dem schulischen Leben zu verbinden.

Alle Bemühungen, das Progymnasium durch die Angliederung einer Realschule aufzuwerten und neue Schüler anzuziehen, blieben am Ende erfolglos. Dem anfänglichen Optimismus folgte bereits im Schuljahr 1831-32 die große Ernüchterung, denn die Schülerzahl fiel von 36 im Schuljahr 1830 auf 27 zurück. Gerade einmal zwei Schüler fanden sich in diesem Schuljahr für den Realschulzweig. Im Schuljahr 1834-35 besuchten nur noch 21 Schüler das Progymnasium, so dass sich die Schließung der Realschule nicht länger hinauszögern ließ. Bis zu seinem Tod im November 1837 stemmte sich Schulleiter Pater Wolfgang Kanne als letzter am Progymnasium verbliebener Franziskaner gegen den Niedergang der höheren Schule in Dorsten. Immerhin gelang es ihm und den weiteren Mitgliedern des Schulvorstandes die Schule zu erhalten, dessen Schülerzahl von 1840 bis 1850 zwischen 37 und 47 schwankte und im Jahre 1857 mit 70 Schülern den Höchststand bis 1868 erreichte.

Die 200-Jahrfeier im Jahre 1842

1842 feierte die Schule unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit ihr 200-jähriges Bestehen. Anlässlich des Schuljubiläums erschien eine Festschrift – die bis dahin erste Festschrift in der Geschichte der Schule – , die diese Feier dokumentiert.

Zu den Ehrengästen gehörte neben dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Ludwig Freiherr von Vincke, auch Dorstens ehemaliger Bürgermeister Luck. Er erinnerte in seiner Rede „mit schmucklos wahren Worten“ „an die mancherlei Krisen, welche während seiner 20jährigen Verwaltung des städtischen Wesens die Existenz derselben so häufig bedroht“, schilderte die schmerzliche Verlegenheit derjenigen Männer, denen es in solchen Momenten aufgelegen, die ernste Frage über Sein oder Nichtsein zu entscheiden, pries das erhebende Selbstgefühl, durch treues Festhalten am Guten jene gefährlichen Klippen überwunden zu haben, ermunterte die städtischen Behörden, auch fernerweit ohne Wanken und Zagen ihre schöne Bildungsanstalt zu hegen und zu pflegen; und brachte in dieser frohen Erwartung und festen Zuversicht dem Magistrate und den Herren Stadtverordneten ein freudiges Lebehoch.“

Die Dorstener Heimatdichterin Maria Lenzen steuerte zur Feier zwei Festgedichte bei, die von Schülern vorgetragen wurden.

Der rasch wachsende Bevölkerungsanstieg, der nach der Gründung des Deutschen Reiches (1871) im Ruhrgebiet einsetzte, führte in Dorstens Nachbargemeinden zur Gründung von Rektoratschulen, die die unteren und mittleren Klassen eines Gymnasiums ersetzten. Diese Entwicklung hatte unmittelbare Folgen für das Petrinum, denn die Schülerzahlen stagnierten bzw. gingen zurück. Damit hatte die Schule auch geringere Einnahmen. Hinzu kam, dass die Gehälter der Schulleiter und Lehrer an den höheren Schulen nach der Besoldungsregelung in Preußen von 1891 die Kommunen zu tragen hatten. Außerdem entfiel für alle Progymnasien ab 1892 die Obersekunda. Damit war der Verlust weiterer Einnahmen verbunden. Da die Stadt ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber der Regierung nicht nachkommen konnte, ordnete das Kultusministerium im Januar 1893 die Schließung des Dorstener Progymnasiums ab Ostern 1894 an. Die Umwandlung des Progymnasiums in eine Rektoratschule schien unabwendbar. Die Vorstellung, dass Dorsten sein Gymnasium für alle Zeiten verlieren könnte, mobilisierte Kräfte, die nun alles daran setzten, das Gymnasium als Progymnasium zu erhalten und dann zu einem vollständigen Gymnasium auszubauen, das die Schüler mit dem Abitur entließ. Mit Unterstützung des damaligen westfälischen Oberpräsidenten v. Studt und des Schul- und Regierungsrates Dr. Hechelmann konnte 1898 die Reorganisation des Progymnasiums erreicht werden. Dr. Studt, der mit den Dorstener Verhältnissen bestens vertraut war, genehmigte als preußischer Kultusminister am 16. Oktober 1900 den Ausbau des Progymnasiums zu einer Vollanstalt. Weil das bisherige Schulgebäude den Anforderungen an ein voll ausgebautes Gymnasium nicht entsprach, musste die Stadt ein neues Gymnasialgebäude errichten, das gegenüber dem ersten Schulgebäude entstand (Ecke Klosterstraße/Westgraben).

Anlässlich der „Einweihung des neuen Gymnasialgebäudes und zur Feier des 260-jährigen Bestehens der höheren Lehranstalt in Dorsten“ gab der damalige Direktor des Gymnasiums, Dr. Schwarz, 1902 eine Festschrift heraus, die ein 87 Seiten umfassendes Verzeichnis aller Schüler von 1827 bis 1902 enthält (eine Fundgrube für Familienforscher !). Dieses Schülerverzeichnis hat Schwarz durch umfangreiche statistische Untersuchungen (Herkunft der Schüler, Stand der Väter etc.) ergänzt. Seiner ausführlichen Darstellung der Schulgeschichte hat Stadtbaumeister Peitz eine Beschreibung des neuen Schulgebäudes vorangestellt. Er schloss seinen Baubericht mit dem Text der am 12. November 1901 in den Grundstein eingelassenen Urkunde:

„Möge der Bau – – – – – der Gemeinde zum Segen und zur Zierde gereichen und das        Gymnasium immerfort eine Bildungsstätte sein, nicht bloß für den wissenschaftlichen Unterricht, sondern auch für die Erziehung und Veredelung des Herzens, die Stählung und Festigung des Charakters; möge in demselben wie bisher wahre Gottesfurcht und innige, tiefe Vaterlandsliebe stets die sorgfältigste Pflege finden!“

 

Mit dem Erlös seiner Festschrift legte Schwarz den Grundstein für zwei Stiftungen (Jubiläumsstiftung für Schüler des Gymnasiums in Dorsten, Jubiläumsstiftung für römisch-katholische Schüler des Gymnasiums in Dorsten), die nach dem 1. Weltkrieg der Inflation zum Opfer fielen.

Nach der feierlichen Einweihung des neuen Schulgebäudes entließ das Petrinum als nunmehr neunklassiges humanistisches Gymnasium Ostern 1904 seine erste Abiturientia. Dem Gymnasium angegliedert war ein Realgymnasium, das mit der Untersekunda (Klasse 10) abschloss. Nach der Anerkennung als Vollanstalt erfuhr die Schule einen großen Zuspruch gerade auch auswärtiger Schüler, die zu einem großen Teil als Pensionäre in Dorstener Familien wohnten oder im Internat (Collegium Carolinum).

Zwei Jahre vor Beginn des 1. Weltkrieges stellte die Schulaufsicht einige gravierende Mängel an dem gerade einmal zehn Jahre alten Schulgebäude fest, sodass der Magistrat der Stadt im Mai 1914 einen Neubau beschloss, der allerdings durch den Krieg verhindert wurde. Damals schrieb Schulleiter Dr. Wiedenhöfer: „… der ausbrechende Krieg hat unserem werdenden Werke ein jähes Halt zugerufen! Ein vorläufiges! Das Kriegsgewitter wird vorübergehen, und mit klarerem, weiterem Blick in die Zukunft wird die Stadt Dorsten ein Siegesgymnasium bauen.“ An den Bau eines „Siegesgymnasium“ dürfte Wiedenhöfer selbst bald nicht mehr geglaubt haben, denn der Krieg zog sich bis zur endgültigen Niederlage des Deutschen Reiches über vier Jahre hin. 144 Schüler und sechs Lehrer des Gymnasiums haben diesen Krieg als Soldaten hautnah miterlebt, 29 Schüler und zwei Lehrer ließen dabei ihr Leben.

Kurz nach dem Ende des Krieges mahnte die Schulaufsichtsbehörde den noch nicht realisierten Neubau des Schulgebäudes an. Die Stadt verwies auf ihre finanzielle Notlage, die zeitweilig sogar den Erhalt der Schule gefährdete. Zu Beginn des Krisenjahres 1923 musste die Stadt das Problem lösen, weil die in mehreren Bataillonen angerückten Belgier im Zuge der Ruhrbesetzung das Gymnasialgebäude beschlagnahmen, um darin ihre Kommandantur einzurichten. Das Petrinum wurde kurzerhand in das weitgehend leer stehende Lehrerseminar an der Bochumer Straße verlegt. Bis zu ihrem Umzug zu ihrem heutigen Standort in Maria Lindenhof wurden die Schüler an diesem Standort unterrichtet. Als die Belgier im Januar 1925 Dorsten verließen, zog die Stadtverwaltung in das frühere Gymnasialgebäude ein, das für die anwachsende Doppelanstalt (Gymnasium und Realschule) mit ihren inzwischen 15 Klassen viel zu klein war.

Anlässlich des 25. Abiturs am Petrinum veranstaltete die Abiturientia 1928 eine „Jubelfeier“, die in der Öffentlichkeit große Beachtung fand. Seit dieser Feier hat sich der frühere Name „Petrinum“ für das Gymnasium der Stadt Dorsten wieder eingebürgert, der mit der Bestimmung der Schule zum Progymnasium verloren gegangen war. Zuletzt führte die Schule die Bezeichnung „Gymnasium und Realschule i. E. der Gemeinden Dorsten, Hervest, Holsterhausen zu Dorsten“ bzw. „Gymnasium und Realschule“ (seit 1927). Schulleiter Dr. Wiedenhöfer kämpfte zeitweise gegen den „schier unausrottbaren Irrtum“ an, dass „unsere Schule kein Realgymnasium [ist…], sondern ein Gymnasium mit Realschule! An ihren Fremdsprachen lassen sich die drei Schulformen leicht unterscheiden: im Gymnasium lernt man Latein, Griechisch und Französisch (im wahlfreien Unterricht auch Englisch usw.), in der Realschule Französisch und Englisch, im Realgymnasium Latein, Französisch und Englisch.“

In der nationalsozialistischen Zeit konnte das altsprachliche Gymnasium erhalten bleiben und wurde nicht in die deutsche Hauptform des Gymnasiums umgewandelt; dennoch blieb die Schule nicht vom Geist der Zeit verschont. Der Name „Petrinum“ durfte fortan nicht mehr benutzt werden, die offizielle Bezeichnung war jetzt „Gymnasium zu Dorsten.“

Die Ursulinen mussten 1941 ihre Schule aufgeben, weil das Gebäude von der Wehrmacht beschlagnahmt und in den nächsten Jahren als Lazarett genutzt wurde. Ihre als „Staatliche Oberschule für Mädchen“ weitergeführte Schule bezog während des 2. Weltkrieges das Petrinum-Gebäude an der Bochumer Straße. Da die Klassenräume nicht hinreichten, um alle Schülerinnen und Schüler der beiden höheren Schulen am Vormittag zu unterrichten, fand der Unterricht der Jungen- und Mädchenschule im wöchentlichen Wechsel vormittags und nachmittags statt.

In das Kriegsjahr 1942 fiel der 300. Jahrestag der Gründung des Gymnasiums. Die kriegsbedingten Umstände erlaubten nur eine kleine Gedenkfeier in der mit nationalsozialistischen Emblemen geschmückten Aula. Aus politischen Gründen waren die Franziskaner nicht eingeladen worden, doch schickte Schulleiter Feil am Festtag, also am 26. September, eine Grußadresse an den Pater Guardian, in der er auf das verdienstvolle 200-jährige Wirken der Franziskaner hinwies. Feil unterschrieb als „Direktor des Gymnasium Petrinum“ und vermied die sonst übliche Formel „Heil Hitler“. In seiner Festansprache, die am 27. September in vollem Wortlaut im „Westfälischen Beobachter“ veröffentlicht wurde, nahm die Schulgeschichte einen breiten Raum ein. Ausdrücklich betonte er die verdienstvolle Tätigkeit der Franziskaner, die „durch alle Notzeiten die Schule mit großem Idealismus hindurch gerettet“ hätten. Im Schlussteil seiner Rede erwies er den Machthabern die übliche Referenz, dass die Schule auch den neuen Forderungen der Volksgemeinschaft und der nationalsozialistischen Erziehung gerecht werden wollte. Von der Gegenwart sei die Aufgabe gestellt, sich dem Führer und dem Nationalsozialismus hinzuwenden, „auf die unsere Schule ausgerichtet ist.“

Die Sätze, die Feil – seit 1932 Nachfolger Wiedenhöfers als Direktor des Gymnasiums – zugunsten des NS-Staates geäußert hatte, führten nach Kriegsende, im November 1945, zu seiner sofortigen Suspendierung vom Schuldienst. Auch wenn sich etwa der Guardian des Franziskanerklosters auch im Namen der Oberin des Ursulinenklosters sowie die Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Gladbeck für Feil verwandten, kehrte Feil nicht mehr an das Petrinum zurück und zwar auch deshalb, weil sich das Kollegium gegen ihn stellte.

Ab 1937 musste die Schule regelmäßig Luftschutzübungen durchführen. Diese Übungen und die Schaffung entsprechender Schutzräume sollten den Luftangriffen der Alliierten im 2. Weltkrieg trotzen. Im Schuljahr 1943 wurden die ersten Schüler der oberen Klassen zu Luftwaffenhelfern eingezogen und wurden fortan zeitweilig in ihren Stellungen unterrichtet. Schulleiter Feil beklagte eine deutliche Abnahme der Schulleistungen:

„…die Unterrichtsunterbrechung durch Alarm wurde immer häufiger; auswärtige Schüler fehlten oft infolge Unterbrechung des Zugverkehrs oder wegen Bombenschäden ihrer Eltern. Die  4. und  6. Klassen waren wochenlang am Ausbau unserer Luftschutzeinrichtung beschäftigt und hatten während dieser Zeit überhaupt keinen Unterricht. In diesen Klassen wurde ein geregelter Unterricht nur noch zur Not aufrechterhalten. Der Unterricht der Unterklassen wurde bei der geringen Zahl der Unterrichtsstunden und den vielen Unterbrechungen in schnellerem Tempo erteilt, um überhaupt noch ein gewisses Pensum zu erledigen, sodass von gründlichem Erfassen des Stoffes keine Rede mehr sein konnte. Der Unterricht der Luftwaffenhelfer hatte nur noch die Bedeutung, dass sie nicht jedes Schulwissen vergaßen und etwas in geistiger Übung blieben. Von einem wirklichen geistigen Fortschreiten konnte bei ihnen keine Rede mehr sein. Man ist gegenüber diesen Zuständen im 5. Kriegsjahre wie gegenüber den anderen Entbehrungen und Leiden des Krieges stumpf geworden. Nur gelegentlich, wenn die Tatsachen einmal krasser zutage treten, entsetzt man sich noch darüber. Was die Erziehung anbelangt, so blieben Fälle von Unfug, ja von sittlicher Verwilderung nicht aus, im ganzen aber hielten wir Zucht und Ordnung in alter Weise aufrecht.“

Der Luftangriff der Alliierten am 22. März 1945 zerstörte die Dorstener Altstadt zu etwa 80 %. Das außerhalb der Stadt gelegene Petrinum blieb vergleichsweise unbeschädigt, dennoch war an eine Wiederaufnahme des Unterrichts vorläufig nicht zu denken. Einige Lehrer waren im Krieg gefallen, andere noch in Kriegsgefangenschaft, und diejenigen, die bis zum Ende der NS-Zeit an der Schule unterrichtet hatten, mussten sich einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen. Im Mai 1946 konnte der Schulbetrieb am Petrinum wieder beginnen, allerdings nur in den wesentlichen Fächern und in sehr beengten Verhältnissen, weil neben den Petrinum-Schülern auch zwei Volksschulklassen in dem Gebäude an der Bochumer Straße untergebracht werden mussten. Die Raumnot blieb aber bestehen, als der Unterricht 1948 wieder uneingeschränkt erteilt werden konnte, sodass Klassenstärken mit 50 Schülern in den Eingangsklassen keine Seltenheit waren. Am Ende der 50-er Jahre wurde das Schulgebäude um einen Anbau zur Straße „Im Stadtsfeld“ erweitert, der 1960 bezogen wurde. Danach wurde der Altbau an der Bochumer Straße saniert, sodass der gesamte Komplex ab 1963 wieder genutzt werden konnte.

Die steigenden Schülerzahlen in den siebziger Jahren erforderten kreative Lösungen, denn das zu Beginn der 60-er Jahre fertig gestellte Schulgebäude erwies sich sehr bald als zu klein. Die alte Martin-Luther-Schule musste trotz unübersehbarer Mängel bis unters Dach ausgelastet werden, um die räumlichen Probleme zu lösen. Zusätzlich wurden Fertigbauklassen aufgestellt. Fieberhaft suchten die Entscheidungsträger in Rat und Verwaltung nach einer zukunftsorientierten Lösung, denn die Verhältnisse an der Bochumer Strasse konnten den Anforderungen mittelfristig nicht genügen. Rat und Verwaltung kamen deshalb zu dem Ergebnis, das Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder von Montabaur in „Maria Lindenhof“ als neuen Standort für das Petrinum vorzusehen. Nach einer Bauzeit von etwa zweieinhalb Jahren konnte die Schule im Sommer 1982 das neue Schulgebäude beziehen.

Besuchten das Petrinum bis dahin ausschließlich Jungen und das St. Ursula Gymnasium nur Mädchen, hielt die Koedukation zu Beginn der 1970-er Jahre Einzug an beiden Schulen, die auch durch die gemeinsam in Angriff genommene Reform der Gymnasialen Oberstufe ein neues Gesicht bekamen. An die Stelle der Klassenverbände traten in den drei Abschlussklassen nunmehr Kurse, die an beiden Schulen besucht werden konnten. Die in dieser Zeit begonnene Kooperation besteht bis heute, auch wenn das St. Ursula Gymnasium seit einigen Jahren als G-8-Gymnasium geführt wird, während sich das Petrinum dazu entschieden hat, am Schulversuch G-9-neu teilzunehmen, der inzwischen verlängert worden ist.

Die Dorstener Schullandschaft ist – nicht zuletzt infolge des demographischen Wandels – heftig in Bewegung geraten. Für das traditionsreiche Gymnasium der Stadt Dorsten bietet das Jubiläumsjahr die große Chance, seine Potentiale weiter zu entwickeln und damit seine Zukunftsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Standort des Petrinum 1642 – 1902
Schulneubau 1902
Schulneubau 1902
Der ehemalige Standort des zweiten Schulgebäudes im Jahre 2017.
Das Gebäude des ehemaligen Lehrerseminars in der Bochumer Straße, in dem ab ca. 1923 die Petrinum-Schüler unterrichtet wurden.
Der Standort Bochumer Straße, der zwischen 1959 und 1963 um- und ausgebaut wurde, im Jahre 2017. Derzeit wird der Gebäudekomplex als Flüchtlingsunterkunft genutzt.
Dieses Glasfenster im Neubau an der Bochumer Straße wurde vom Kunsterzieher Karl Korte und seinen Schülern geschaffen.
Im Sommer 1982 bezog das Petrinum das neu errichtete Schulgebäude auf dem Gelände "Maria Lindenhof", das die Schule bis heute beherbergt.

Autoren:      Hans-Jochen Schräjahr / Dr. Josef Ulfkotte

Diese Darstellung, die auch im Jubiläumsbuch „375 Jahre Gymnasium Petrinum“ (2017) erschienen ist, basiert auf Ausführungen der beiden Autoren zur Schulgeschichte in der Festschrift zum 350-jährigen Schuljubiläum (1992). Dort finden sich auch einzelne Belege, Quellen- und Literaturhinweise, auf die hier aus Platzgründen verzichtet wurde.

Übrigens: Wenn Sie nach Quellen zur Geschichte unserer Schule suchen, werden Sie – je nach Ihrer Fragestellung – wahrscheinlich an folgenden Stellen fündig:

– Stadtarchiv Dorsten

– Archiv des Franziskanerklosters Dorsten

– Staatsarchiv Münster

– Gymnasium Petrinum

Selbstverständlich können Sie sich mit entsprechenden Fragen an uns wenden, wir sind Ihnen gern behilflich!

Am 3. März 2016 konstituierte sich die aus Eltern, Lehrern und Schülern bestehende Arbeitsgruppe „375 Jahre Gymnasium Petrinum“, um mit den Vorbereitungen zur Gestaltung des Jubiläumsjahres 2017 zu beginnen. Einvernehmen bestand von Anfang an darüber, dass der Höhepunkt des Jubiläumsjahres in der zweiten Jahreshälfte liegen sollte, weil die Schulgründung vor 375 Jahren von der Genehmigung durch den damaligen Landesherrn, dem Erzbischof von Köln, am 26. September bis zur Eröffnung der Schule im Franziskanerkloster am 3. November erfolgte. Damit war auch klar, dass sich das Schuljubiläum zeitlich mit dem Höhepunkt des Gedenkens an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren überschneiden würde, die Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit seinen 95 Thesen einleitete. 125 Jahre später, im Zuge der Gegenreformation, gründeten die Franziskaner im ausgehenden 30-jährigen Krieg (1618–1648) gemeinsam mit der Stadt Dorsten das Gymnasium Petrinum. Zur Gründung des Gymnasiums benötigten die Verantwortlichen im Jahre 1642 gerade einmal drei Monate, eine – aus heutiger Sicht betrachtet – unvorstellbar kurze Zeit. Wie war das möglich?
Eine handschriftliche Aufzeichnung des Franziskanerklosters aus dem Jahre 1741 gibt darauf folgende Antwort:

„Als es während des Dreißigjährigen Krieges sehr schwierig und kostspielig wurde, die Bürgersöhne zu den auswärtigen gelehrten Bildungsanstalten zu schicken, kam dem Senat und Volk von Dorsten der gute Gedanke, in ihrer Stadt ein Gymnasium zu errichten, das Lehramt und die Leitung aber den Klostergeistlichen zu übertragen, damit die einheimischen Kinder ohne große Kosten und unter den Augen der Eltern in der lateinischen Sprache, den guten Sitten und besonders im rechten Glauben unterrichtet und die auswärtige Jugend zu demselben Zwecke und zum Vorteile der Bürger angelockt werden könne.“

Die seit 1599 an den Jesuitenschulen eingeführte Lehrverfassung (Ratio Studiorum) übernahmen die Franziskaner 1642 für das Petrinum, ihrem ersten Gymnasium in Westfalen.
Die Franziskaner hatten in erster Linie die Aufgabe ihre Schüler im katholischen Glauben zu erziehen. Deshalb durften nur solche Patres für das Lehramt vorgesehen werden, die „besonders fromm und von auffallender Sittlichkeit“ waren. Daneben hatten die Franziskaner ihnen gründliche Kenntnisse in der lateinischen Sprache zu vermitteln, denn die Beherrschung der lateinischen Sprache in Wort und Schrift war zu der Zeit die Voraussetzung für ein Universitätsstudium. Themen aus den Bereichen Geschichte, Erdkunde, Mythologie, Archäologie, Staats- und Rechtskunde, Kosmologie und Philosophie wurden nur behandelt, insoweit sie für ein Sprachstudium erforderlich waren.
Das 1642 gegründete Gymnasium der Stadt Dorsten war eine höhere Schule für die heranwachsende männliche Jugend. Um die Erziehung und Schulbildung der weiblichen Jugend kümmerten sich etwa fünfzig Jahre später die Ursulinen, die 1699 in Dorsten eine Ordensniederlassung gründeten. Die meisten Petrinum-Schüler kamen aus Dorsten und der näheren Umgebung, einige aber auch aus entlegeneren Städten wie Amsterdam, Antwerpen oder Utrecht. Das Petrinum war zwar eine katholische Schule, doch wurden hier seit 1700 auch evangelische Schüler, die zumeist aus Dinslaken und Schermbeck kamen, aufgenommen. Um 1830 waren unter den Schülern auch die Brüder Nathan und Levi Eisendraht, die der jüdischen Gemeinde in Dorsten angehörten. Weil Dorsten im 17., 18. und beginnenden 19. Jahrhundert immer wieder zum Durchzugs-, Einquartierungs- und Versorgungsgebiet kriegführender Parteien gehörte, schwankte die Schülerzahl erheblich. Trotz der unsicheren äußerlichen Lage und der großen wirtschaftlichen Not haben die Stadt und die Franziskaner das Gymnasium gehalten, eine Leistung, die nachfolgende Generationen kaum hoch genug einschätzen konnten.

Das Jahr 1803 stellte für die Stadt Dorsten und damit auch für das Petrinum eine Zäsur dar, denn mit dem Reichsdeputationshauptschluss, durch Napoleon erzwungen, endete die jahrhundertlange Zugehörigkeit der Stadt zum Kurfürstentum Köln. Es wurde wie alle  geistlichen Fürstentümer des Reiches (mit Ausnahme von Mainz) aufgelöst und weltlichen Landesherren übertragen. In den nächsten Jahren hatte die Stadt wechselnde Landesherren, bis sie 1815 durch den Wiener Kongress an Preußen fiel. Dieser Staat hatte nach der Niederlage gegen Napoleon erhebliche Modernisierungsmaßnahmen unternommen, die den Schul- und Bildungsbereich einschlossen.

Bis zur Besitzergreifung Dorstens durch Preußen hatte die Leitung am „Petrinischen Gymnasium“ jährlich gewechselt. Den Unterricht leiteten drei Lehrer, die der Franziskanerorden stellte. Die Patres begannen mit ihrer Unterrichtstätigkeit als Klassenlehrer in den Anfangsklassen, übernahmen dann in ihrem zweiten Jahr die mittleren Klassen und bekleideten im dritten Jahr schließlich das Amt des Schulleiters („Präfekten“), um sich dann aus der Schule zurückzuziehen und eine andere Aufgabe im Franziskanerorden wahrzunehmen.

Seit 1813 – Dorsten wurde Ende des Jahres dem preußischen Zivilgouvernement in Münster unterstellt – blieben die drei Franziskaner längere Zeit am Petrinum. Von 1813 bis 1822 leitete Pater Valerian Bresson die Schule. An seine Stelle trat Pater Wolfgang Kanne, dem Pater Valerian Bresson bis 1827 und Pater Ferdinand Volbach bis 1833 zur Seite standen. Caspar Franz Krabbe, zunächst Pfarrer in Recklinghausen, von 1828 bis 1845 Regierungs- und Schulrat in Münster, beschrieb Kanne als „… eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten, die ich je kennen gelernt habe.“ Kanne war belesen, was Theologie und Philosophie betraf, Ratgeber der Geistlichen der Umgebung, Beichtvater der Nonnen, für die er früh am Morgen die hl. Messe las. „Er vereinigte die Einfachheit und Armuth des Ordens mit der feinen Sitte und rücksichtsvollen Zuvorkommenheit des Weltmannes“, so Krabbe. Mit dem Tod von Pater Wolfgang Kanne im Jahre 1837 endete die beinahe 200-jährige Geschichte des Gymnasiums unter der Leitung der Franziskaner.

In den nächsten 18 Jahren wurde das Petrinum im Nebenamt von Weltgeistlichen geleitet – und zwar bis 1841- von dem bischöflichen Kommissar und Pensions-Direktor im Ursulinenkloster Caspar Gröning, danach bis 1855 von Pfarrer Wolfgang Schmitz, der seit September 1839 in Dorsten wirkte. Offenbar wollte die Schulaufsicht auf diese Weise erreichen, dass sich der Übergang von der Ordensschule zu einer Anstalt, die von einem weltlichen Rektor geleitet wurde, möglichst schonend vollzog. Begonnen hatte die „Verweltlichung“ des Petrinums allerdings schon 1823, als mit Franz Wilhelm Rive der erste Lehrer an der Schule angestellt wurde, der kein Ordensmann war.

Das Gymnasium hatte 1814 lediglich zwei Klassen, in denen wurden im Winter 21 und im Sommer 25 Unterrichtsstunden in der Woche erteilt. Mit der Vorbereitungsschule besuchten in diesem Jahr 27 Schüler das Gymnasium. Nach der Schulgeldordnung aus dem Jahre 1797 erhielten die Lehrer neben ihrer Vergütung aus dem städtischen Schulfonds von jedem auswärtigen Schüler sieben Reichstaler und 40 Stüber; ortsansässige Schüler hatten einen Taler mehr zu bezahlen.

Die Regierung in Münster konnte dieser kleinen Schule nicht den Status eines Gymnasiums zuerkennen und stufte sie als „Lateinische Schule“ ein, die zukünftig nur noch die unteren Klassen des Gymnasiums führen solle. Damit wollte sich in Dorsten niemand abfinden, vielmehr bemühte sich die Schulleitung mit Unterstützung der Stadt seit der Reorganisation der Gymnasien in Westfalen im Jahre 1819 um die Anerkennung der höheren Lehranstalt als vollberechtigtes Gymnasium, das seine Absolventen mit dem Abitur entließ. Bevor diese Frage nicht entschieden war, hielt man offiziell an der Bezeichnung Gymnasium bzw. „Petrinisches Gymnasium“ fest, denn die Eltern aus der näheren und weiteren Umgebung schickten ihre Söhne ja deshalb nach Dorsten, weil sie annahmen, dass sie an dieser Schule das Zeugnis der Reife erlangen konnten. Tatsächlich vervierfachte sich die Schülerzahl in nur acht Jahren von 25 im Jahre 1813 auf 107 im Jahre 1821. Da es sich bei den auswärtigen Schülern vielfach um die Söhne armer Eltern handelte, häuften sich in der Bürgerschaft die Klagen, da die Unterbringung der Schüler nicht den erhofften finanziellen Gewinn ergab. Bürgermeister Luck wies die Schulaufsichtsbehörde wiederholt auf dieses Problem hin und forderte Abhilfe. Schließlich lenkte die Regierung nach einer eingehenden Revision der Schule im Dezember 1821 ein und setzte die Höchstzahl der armen Schüler auf ein Achtel der Gesamtschülerzahl fest. Ferner sollten heimische und auswärtige Schüler zukünftig den gleichen Schulgeldsatz in Höhe von 9 ½ Talern zahlen. Außerdem hatte jeder Schüler bei seinem Schuleintritt 2 Taler für die Bibliothek und Lehrmittel zu entrichten; alle anderen Ausgaben sollten entfallen.

Alle Anstrengungen zur Anerkennung als vollberechtigtes Gymnasium blieben jedoch vergeblich – finanzielle Gründe spielten hier eine entscheidende Rolle -, sodass das „Petrinische Gymnasium“ 1823 den Rang eines „Progymnasiums“ erhielt, das seine Schüler mit der „mittleren Reife“ entließ. So schnell wie die Schülerzahlen zwischen 1814 und 1822 angestiegen waren, so schnell sanken sie in den nächsten Jahren, nämlich von 104 im Jahre 1823 auf 39 im Jahre 1829. Ausschlaggebend für den Einbruch bei den Schülerzahlen war sicherlich die Tatsache, dass die Absolventen des Dorstener Progymnasiums zur Erlangung des Abiturs ihren Schulort wechseln mussten; dazu bot sich etwa das traditionsreiche Gymnasium Paulinum in Münster an. Hinzu kam, dass die benachbarten katholischen Progymnasien in Recklinghausen und Coesfeld am Ende der 1820-er Jahre in vollberechtigte Gymnasien umgewandelt wurden und deshalb für Schüler der Umgebung attraktiver waren als das Dorstener Progymnasium. Doch nicht nur die Konkurrenz der neuen Voll-Gymnasien in den Nachbarstädten bereitete der Dorstener Schule Probleme. Inzwischen hatten auch die meisten evangelischen Gymnasien einen katholischen Religionslehrer angestellt, sodass die Eltern katholischer Schüler im Einzugsbereich dieser Schulen keine Notwendigkeit mehr sahen, ihre Söhne bei einem entfernter gelegenen katholischen (Pro)Gymnasium anzumelden.

In dieser kritischen Situation suchte die Stadt nach neuen Wegen und gelangte schließlich zu der Überzeugung, dass die Erweiterung des Progymnasiums um Real-Abteilungen den weiteren Niedergang der Lehranstalt aufhalten könne. Das Königliche Provinzial-Schulkollegium in Münster, dem das Progymnasium seit 1826 unterstellt war, genehmigte den Vorschlag, von Herbst 1830 an für die Schüler, die kein Studium anstrebten, neben den bisherigen Unterrichtsgegenständen auch Französisch, Naturbeschreibung, Naturlehre und kaufmännisches Rechnen in den Lehrplan aufzunehmen. Ausführlich stellte das Lehrerkollegium diese Neuerung allen Interessierten in dem gedruckten „Jahres-Bericht über das Pro- und Realgymnasium zu Dorsten in dem Schuljahre 1830–31“ vor. Für die Schüler, die sich auf das kaufmännische Fach vorbereiten wollten, war auch an die Einführung des Unterrichts in „holländischer Sprache“ gedacht. Ein Junge musste mindestens zehn Jahre alt sein, wenn er als Schüler angenommen werden wollte. Einheimische mussten den „Elementar-Cursus“ zur Zufriedenheit ihrer Lehrer absolviert haben, Auswärtige „mit den Hauptwahrheiten der Religion und den Erzählungen der biblischen Geschichte bekannt“ sein „und sich eine solche Fertigkeit im Lesen, Schreiben und Rechnen erworben haben, daß sie Diktirtes geläufig schreiben, selbst größere Fehler gegen die deutsche Sprache verbessern, Gedrucktes und Geschriebenes fertig lesen und im Rechnen wenigstens die vier Species in gleich und ungleich benannten Zahlen verstehen.“
Die Erweiterung des Progymnasiums um einen Realzweig erforderte neben der entsprechenden Ausstattung auch neue Lehrer. Damit kamen weitere finanzielle Belastungen auf die Stadt zu. Den Unterricht in den neueren Sprachen Englisch, Französisch und Niederländisch übernahm Wilhelm Kotthoff, der nach seiner Probezeit in Recklinghausen dort noch ein Jahr ausgeholfen hatte. Für den Unterricht in den Naturwissenschaften und in der Mathematik konnte der Junglehrer Busch gewonnen werden. Die Lehrer Drecker und Hüntemann, die bei den Ursulinen den Unterricht im Zeichnen und Gesang erteilten, unterrichteten zukünftig auch am Pro- und Realgymnasium.
Nach den vielerorts erhobenen Klagen über die Überforderung der Gymnasiasten hatte das Provinzialschulkollegium in Münster 1829/30 allen Gymnasien die Einführung von gymnastischen Übungen empfohlen. Im Juni 1831 wies die Schulaufsichtsbehörde im Amtsblatt der Regierung Münster auf die Wiedereinführung der gymnastischen Übungen am Gymnasium in Minden empfehlend hin in der Hoffnung, dass andere Gymnasien in der Provinz Westfalen diesem Beispiel folgen würden. Diese Nachricht nahm Bürgermeister Luck zum Anlass, der Aufsichtsbehörde umgehend mitzuteilen, dass er bereits im Herbst 1830 dem Antrag des Lehrerkollegiums gefolgt sei und dem Progymnasium in Dorsten zu diesem Zweck einen „freien und hochgelegenen“ Gemeindeplatz angewiesen habe. Auch wenn an einen lehrplanmäßigen Turnunterricht am Dorstener Progymnasium noch lange nicht zu denken war, ist die Dorstener Spielplatzinitiative aus dem Jahre 1830 zu den ersten Versuchen an den höheren Schulen in Westfalen zu rechnen, die Leibesübungen mit dem schulischen Leben zu verbinden.
Alle Bemühungen, das Progymnasium durch die Angliederung einer Realschule aufzuwerten und neue Schüler anzuziehen, blieben am Ende erfolglos. Dem anfänglichen Optimismus folgte bereits im Schuljahr 1831-32 die große Ernüchterung, denn die Schülerzahl fiel von 36 im Schuljahr 1830 auf 27 zurück. Gerade einmal zwei Schüler fanden sich in diesem Schuljahr für den Realschulzweig. Im Schuljahr 1834-35 besuchten nur noch 21 Schüler das Progymnasium, so dass sich die Schließung der Realschule nicht länger hinauszögern ließ. Bis zu seinem Tod im November 1837 stemmte sich Schulleiter Pater Wolfgang Kanne als letzter am Progymnasium verbliebener Franziskaner gegen den Niedergang der höheren Schule in Dorsten. Immerhin gelang es ihm und den weiteren Mitgliedern des Schulvorstandes die Schule zu erhalten, dessen Schülerzahl von 1840 bis 1850 zwischen 37 und 47 schwankte und im Jahre 1857 mit 70 Schülern den Höchststand bis 1868 erreichte.

1842 feierte die Schule unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit ihr 200-jähriges Bestehen. Anlässlich des Schuljubiläums erschien eine Festschrift – die bis dahin erste Festschrift in der Geschichte der Schule – , die diese Feier dokumentiert.
Zu den Ehrengästen gehörte neben dem Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Ludwig Freiherr von Vincke, auch Dorstens ehemaliger Bürgermeister Luck. Er erinnerte in seiner Rede „mit schmucklos wahren Worten“ „an die mancherlei Krisen, welche während seiner 20jährigen Verwaltung des städtischen Wesens die Existenz derselben so häufig bedroht“, schilderte die schmerzliche Verlegenheit derjenigen Männer, denen es in solchen Momenten aufgelegen, die ernste Frage über Sein oder Nichtsein zu entscheiden, pries das erhebende Selbstgefühl, durch treues Festhalten am Guten jene gefährlichen Klippen überwunden zu haben, ermunterte die städtischen Behörden, auch fernerweit ohne Wanken und Zagen ihre schöne Bildungsanstalt zu hegen und zu pflegen; und brachte in dieser frohen Erwartung und festen Zuversicht dem Magistrate und den Herren Stadtverordneten ein freudiges Lebehoch.“
Die Dorstener Heimatdichterin Maria Lenzen steuerte zur Feier zwei Festgedichte bei, die von Schülern vorgetragen wurden.
Der rasch wachsende Bevölkerungsanstieg, der nach der Gründung des Deutschen Reiches (1871) im Ruhrgebiet einsetzte, führte in Dorstens Nachbargemeinden zur Gründung von Rektoratschulen, die die unteren und mittleren Klassen eines Gymnasiums ersetzten. Diese Entwicklung hatte unmittelbare Folgen für das Petrinum, denn die Schülerzahlen stagnierten bzw. gingen zurück. Damit hatte die Schule auch geringere Einnahmen. Hinzu kam, dass die Gehälter der Schulleiter und Lehrer an den höheren Schulen nach der Besoldungsregelung in Preußen von 1891 die Kommunen zu tragen hatten. Außerdem entfiel für alle Progymnasien ab 1892 die Obersekunda. Damit war der Verlust weiterer Einnahmen verbunden. Da die Stadt ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber der Regierung nicht nachkommen konnte, ordnete das Kultusministerium im Januar 1893 die Schließung des Dorstener Progymnasiums ab Ostern 1894 an. Die Umwandlung des Progymnasiums in eine Rektoratschule schien unabwendbar. Die Vorstellung, dass Dorsten sein Gymnasium für alle Zeiten verlieren könnte, mobilisierte Kräfte, die nun alles daran setzten, das Gymnasium als Progymnasium zu erhalten und dann zu einem vollständigen Gymnasium auszubauen, das die Schüler mit dem Abitur entließ. Mit Unterstützung des damaligen westfälischen Oberpräsidenten v. Studt und des Schul- und Regierungsrates Dr. Hechelmann konnte 1898 die Reorganisation des Progymnasiums erreicht werden. Dr. Studt, der mit den Dorstener Verhältnissen bestens vertraut war, genehmigte als preußischer Kultusminister am 16. Oktober 1900 den Ausbau des Progymnasiums zu einer Vollanstalt. Weil das bisherige Schulgebäude den Anforderungen an ein voll ausgebautes Gymnasium nicht entsprach, musste die Stadt ein neues Gymnasialgebäude errichten, das gegenüber dem ersten Schulgebäude entstand (Ecke Klosterstraße/Westgraben).
Anlässlich der „Einweihung des neuen Gymnasialgebäudes und zur Feier des 260-jährigen Bestehens der höheren Lehranstalt in Dorsten“ gab der damalige Direktor des Gymnasiums, Dr. Schwarz, 1902 eine Festschrift heraus, die ein 87 Seiten umfassendes Verzeichnis aller Schüler von 1827 bis 1902 enthält (eine Fundgrube für Familienforscher !). Dieses Schülerverzeichnis hat Schwarz durch umfangreiche statistische Untersuchungen (Herkunft der Schüler, Stand der Väter etc.) ergänzt. Seiner ausführlichen Darstellung der Schulgeschichte hat Stadtbaumeister Peitz eine Beschreibung des neuen Schulgebäudes vorangestellt. Er schloss seinen Baubericht mit dem Text der am 12. November 1901 in den Grundstein eingelassenen Urkunde:

„Möge der Bau – – – – – der Gemeinde zum Segen und zur Zierde gereichen und das        Gymnasium immerfort eine Bildungsstätte sein, nicht bloß für den wissenschaftlichen Unterricht, sondern auch für die Erziehung und Veredelung des Herzens, die Stählung und Festigung des Charakters; möge in demselben wie bisher wahre Gottesfurcht und innige, tiefe Vaterlandsliebe stets die sorgfältigste Pflege finden!“

Mit dem Erlös seiner Festschrift legte Schwarz den Grundstein für zwei Stiftungen (Jubiläumsstiftung für Schüler des Gymnasiums in Dorsten, Jubiläumsstiftung für römisch-katholische Schüler des Gymnasiums in Dorsten), die nach dem 1. Weltkrieg der Inflation zum Opfer fielen.
Nach der feierlichen Einweihung des neuen Schulgebäudes entließ das Petrinum als nunmehr neunklassiges humanistisches Gymnasium Ostern 1904 seine erste Abiturientia. Dem Gymnasium angegliedert war ein Realgymnasium, das mit der Untersekunda (Klasse 10) abschloss. Nach der Anerkennung als Vollanstalt erfuhr die Schule einen großen Zuspruch gerade auch auswärtiger Schüler, die zu einem großen Teil als Pensionäre in Dorstener Familien wohnten oder im Internat (Collegium Carolinum).
Zwei Jahre vor Beginn des 1. Weltkrieges stellte die Schulaufsicht einige gravierende Mängel an dem gerade einmal zehn Jahre alten Schulgebäude fest, sodass der Magistrat der Stadt im Mai 1914 einen Neubau beschloss, der allerdings durch den Krieg verhindert wurde. Damals schrieb Schulleiter Dr. Wiedenhöfer: „… der ausbrechende Krieg hat unserem werdenden Werke ein jähes Halt zugerufen! Ein vorläufiges! Das Kriegsgewitter wird vorübergehen, und mit klarerem, weiterem Blick in die Zukunft wird die Stadt Dorsten ein Siegesgymnasium bauen.“ An den Bau eines „Siegesgymnasium“ dürfte Wiedenhöfer selbst bald nicht mehr geglaubt haben, denn der Krieg zog sich bis zur endgültigen Niederlage des Deutschen Reiches über vier Jahre hin. 144 Schüler und sechs Lehrer des Gymnasiums haben diesen Krieg als Soldaten hautnah miterlebt, 29 Schüler und zwei Lehrer ließen dabei ihr Leben.
Kurz nach dem Ende des Krieges mahnte die Schulaufsichtsbehörde den noch nicht realisierten Neubau des Schulgebäudes an. Die Stadt verwies auf ihre finanzielle Notlage, die zeitweilig sogar den Erhalt der Schule gefährdete. Zu Beginn des Krisenjahres 1923 musste die Stadt das Problem lösen, weil die in mehreren Bataillonen angerückten Belgier im Zuge der Ruhrbesetzung das Gymnasialgebäude beschlagnahmen, um darin ihre Kommandantur einzurichten. Das Petrinum wurde kurzerhand in das weitgehend leer stehende Lehrerseminar an der Bochumer Straße verlegt. Bis zu ihrem Umzug zu ihrem heutigen Standort in Maria Lindenhof wurden die Schüler an diesem Standort unterrichtet. Als die Belgier im Januar 1925 Dorsten verließen, zog die Stadtverwaltung in das frühere Gymnasialgebäude ein, das für die anwachsende Doppelanstalt (Gymnasium und Realschule) mit ihren inzwischen 15 Klassen viel zu klein war.
Anlässlich des 25. Abiturs am Petrinum veranstaltete die Abiturientia 1928 eine „Jubelfeier“, die in der Öffentlichkeit große Beachtung fand. Seit dieser Feier hat sich der frühere Name „Petrinum“ für das Gymnasium der Stadt Dorsten wieder eingebürgert, der mit der Bestimmung der Schule zum Progymnasium verloren gegangen war. Zuletzt führte die Schule die Bezeichnung „Gymnasium und Realschule i. E. der Gemeinden Dorsten, Hervest, Holsterhausen zu Dorsten“ bzw. „Gymnasium und Realschule“ (seit 1927). Schulleiter Dr. Wiedenhöfer kämpfte zeitweise gegen den „schier unausrottbaren Irrtum“ an, dass „unsere Schule kein Realgymnasium [ist…], sondern ein Gymnasium mit Realschule! An ihren Fremdsprachen lassen sich die drei Schulformen leicht unterscheiden: im Gymnasium lernt man Latein, Griechisch und Französisch (im wahlfreien Unterricht auch Englisch usw.), in der Realschule Französisch und Englisch, im Realgymnasium Latein, Französisch und Englisch.“
In der nationalsozialistischen Zeit konnte das altsprachliche Gymnasium erhalten bleiben und wurde nicht in die deutsche Hauptform des Gymnasiums umgewandelt; dennoch blieb die Schule nicht vom Geist der Zeit verschont. Der Name „Petrinum“ durfte fortan nicht mehr benutzt werden, die offizielle Bezeichnung war jetzt „Gymnasium zu Dorsten.“
Die Ursulinen mussten 1941 ihre Schule aufgeben, weil das Gebäude von der Wehrmacht beschlagnahmt und in den nächsten Jahren als Lazarett genutzt wurde. Ihre als „Staatliche Oberschule für Mädchen“ weitergeführte Schule bezog während des 2. Weltkrieges das Petrinum-Gebäude an der Bochumer Straße. Da die Klassenräume nicht hinreichten, um alle Schülerinnen und Schüler der beiden höheren Schulen am Vormittag zu unterrichten, fand der Unterricht der Jungen- und Mädchenschule im wöchentlichen Wechsel vormittags und nachmittags statt.
In das Kriegsjahr 1942 fiel der 300. Jahrestag der Gründung des Gymnasiums. Die kriegsbedingten Umstände erlaubten nur eine kleine Gedenkfeier in der mit nationalsozialistischen Emblemen geschmückten Aula. Aus politischen Gründen waren die Franziskaner nicht eingeladen worden, doch schickte Schulleiter Feil am Festtag, also am 26. September, eine Grußadresse an den Pater Guardian, in der er auf das verdienstvolle 200-jährige Wirken der Franziskaner hinwies. Feil unterschrieb als „Direktor des Gymnasium Petrinum“ und vermied die sonst übliche Formel „Heil Hitler“. In seiner Festansprache, die am 27. September in vollem Wortlaut im „Westfälischen Beobachter“ veröffentlicht wurde, nahm die Schulgeschichte einen breiten Raum ein. Ausdrücklich betonte er die verdienstvolle Tätigkeit der Franziskaner, die „durch alle Notzeiten die Schule mit großem Idealismus hindurch gerettet“ hätten. Im Schlussteil seiner Rede erwies er den Machthabern die übliche Referenz, dass die Schule auch den neuen Forderungen der Volksgemeinschaft und der nationalsozialistischen Erziehung gerecht werden wollte. Von der Gegenwart sei die Aufgabe gestellt, sich dem Führer und dem Nationalsozialismus hinzuwenden, „auf die unsere Schule ausgerichtet ist.“
Die Sätze, die Feil – seit 1932 Nachfolger Wiedenhöfers als Direktor des Gymnasiums – zugunsten des NS-Staates geäußert hatte, führten nach Kriegsende, im November 1945, zu seiner sofortigen Suspendierung vom Schuldienst. Auch wenn sich etwa der Guardian des Franziskanerklosters auch im Namen der Oberin des Ursulinenklosters sowie die Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde in Gladbeck für Feil verwandten, kehrte Feil nicht mehr an das Petrinum zurück und zwar auch deshalb, weil sich das Kollegium gegen ihn stellte.
Ab 1937 musste die Schule regelmäßig Luftschutzübungen durchführen. Diese Übungen und die Schaffung entsprechender Schutzräume sollten den Luftangriffen der Alliierten im 2. Weltkrieg trotzen. Im Schuljahr 1943 wurden die ersten Schüler der oberen Klassen zu Luftwaffenhelfern eingezogen und wurden fortan zeitweilig in ihren Stellungen unterrichtet. Schulleiter Feil beklagte eine deutliche Abnahme der Schulleistungen:

„…die Unterrichtsunterbrechung durch Alarm wurde immer häufiger; auswärtige Schüler fehlten oft infolge Unterbrechung des Zugverkehrs oder wegen Bombenschäden ihrer Eltern. Die  4. und  6. Klassen waren wochenlang am Ausbau unserer Luftschutzeinrichtung beschäftigt und hatten während dieser Zeit überhaupt keinen Unterricht. In diesen Klassen wurde ein geregelter Unterricht nur noch zur Not aufrechterhalten. Der Unterricht der Unterklassen wurde bei der geringen Zahl der Unterrichtsstunden und den vielen Unterbrechungen in schnellerem Tempo erteilt, um überhaupt noch ein gewisses Pensum zu erledigen, sodass von gründlichem Erfassen des Stoffes keine Rede mehr sein konnte. Der Unterricht der Luftwaffenhelfer hatte nur noch die Bedeutung, dass sie nicht jedes Schulwissen vergaßen und etwas in geistiger Übung blieben. Von einem wirklichen geistigen Fortschreiten konnte bei ihnen keine Rede mehr sein. Man ist gegenüber diesen Zuständen im 5. Kriegsjahre wie gegenüber den anderen Entbehrungen und Leiden des Krieges stumpf geworden. Nur gelegentlich, wenn die Tatsachen einmal krasser zutage treten, entsetzt man sich noch darüber. Was die Erziehung anbelangt, so blieben Fälle von Unfug, ja von sittlicher Verwilderung nicht aus, im ganzen aber hielten wir Zucht und Ordnung in alter Weise aufrecht.“

Der Luftangriff der Alliierten am 22. März 1945 zerstörte die Dorstener Altstadt zu etwa 80 %. Das außerhalb der Stadt gelegene Petrinum blieb vergleichsweise unbeschädigt, dennoch war an eine Wiederaufnahme des Unterrichts vorläufig nicht zu denken. Einige Lehrer waren im Krieg gefallen, andere noch in Kriegsgefangenschaft, und diejenigen, die bis zum Ende der NS-Zeit an der Schule unterrichtet hatten, mussten sich einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen. Im Mai 1946 konnte der Schulbetrieb am Petrinum wieder beginnen, allerdings nur in den wesentlichen Fächern und in sehr beengten Verhältnissen, weil neben den Petrinum-Schülern auch zwei Volksschulklassen in dem Gebäude an der Bochumer Straße untergebracht werden mussten. Die Raumnot blieb aber bestehen, als der Unterricht 1948 wieder uneingeschränkt erteilt werden konnte, sodass Klassenstärken mit 50 Schülern in den Eingangsklassen keine Seltenheit waren. Am Ende der 50-er Jahre wurde das Schulgebäude um einen Anbau zur Straße „Im Stadtsfeld“ erweitert, der 1960 bezogen wurde. Danach wurde der Altbau an der Bochumer Straße saniert, sodass der gesamte Komplex ab 1963 wieder genutzt werden konnte.
Die steigenden Schülerzahlen in den siebziger Jahren erforderten kreative Lösungen, denn das zu Beginn der 60-er Jahre fertig gestellte Schulgebäude erwies sich sehr bald als zu klein. Die alte Martin-Luther-Schule musste trotz unübersehbarer Mängel bis unters Dach ausgelastet werden, um die räumlichen Probleme zu lösen. Zusätzlich wurden Fertigbauklassen aufgestellt. Fieberhaft suchten die Entscheidungsträger in Rat und Verwaltung nach einer zukunftsorientierten Lösung, denn die Verhältnisse an der Bochumer Strasse konnten den Anforderungen mittelfristig nicht genügen. Rat und Verwaltung kamen deshalb zu dem Ergebnis, das Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder von Montabaur in „Maria Lindenhof“ als neuen Standort für das Petrinum vorzusehen. Nach einer Bauzeit von etwa zweieinhalb Jahren konnte die Schule im Sommer 1982 das neue Schulgebäude beziehen.
Besuchten das Petrinum bis dahin ausschließlich Jungen und das St. Ursula Gymnasium nur Mädchen, hielt die Koedukation zu Beginn der 1970-er Jahre Einzug an beiden Schulen, die auch durch die gemeinsam in Angriff genommene Reform der Gymnasialen Oberstufe ein neues Gesicht bekamen. An die Stelle der Klassenverbände traten in den drei Abschlussklassen nunmehr Kurse, die an beiden Schulen besucht werden konnten. Die in dieser Zeit begonnene Kooperation besteht bis heute, auch wenn das St. Ursula Gymnasium seit einigen Jahren als G-8-Gymnasium geführt wird, während sich das Petrinum dazu entschieden hat, am Schulversuch G-9-neu teilzunehmen, der inzwischen verlängert worden ist.
Die Dorstener Schullandschaft ist – nicht zuletzt infolge des demographischen Wandels – heftig in Bewegung geraten. Für das traditionsreiche Gymnasium der Stadt Dorsten bietet das Jubiläumsjahr die große Chance, seine Potentiale weiter zu entwickeln und damit seine Zukunftsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Diese Darstellung, die auch im Jubiläumsbuch „375 Jahre Gymnasium Petrinum“ (2017) erschienen ist, basiert auf Ausführungen der beiden Autoren zur Schulgeschichte in der Festschrift zum 350-jährigen Schuljubiläum (1992). Dort finden sich auch einzelne Belege, Quellen- und Literaturhinweise, auf die hier aus Platzgründen verzichtet wurde.

Übrigens: Wenn Sie nach Quellen zur Geschichte unserer Schule suchen, werden Sie – je nach Ihrer Fragestellung – wahrscheinlich an folgenden Stellen fündig:
– Stadtarchiv Dorsten
– Archiv des Franziskanerklosters Dorsten
– Staatsarchiv Münster
– Gymnasium Petrinum
Selbstverständlich können Sie sich mit entsprechenden Fragen an uns wenden, wir sind Ihnen gern behilflich!

Autoren: Hans-Jochen Schräjahr / Dr. Josef Ulfkotte